ACUROL-N auf der Spur

Letzten Sommer hat Bruce Robbins eine Rezension über SPUR ACUROL-N in Kombination mit Ilford Delta 100 KB veröffentlicht. In dem nun folgenden Beitrag rolle ich das Thema ACUROL-N nochmals auf – diesmal anhand der beiden Mittelformatfilme Rollei Ortho 25 und Kodak Tmax 100.

Die Firma SPUR hat mir freundlicherweise zwei Rollen Rollei Ortho 25 Rollfilm und eine 50 ml-Probe ACUROL-N in einer Glasflasche für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Im Internet wurde diese Kombination mit dem imposanten Titel „Schärfe-Sensation“ angekündigt. Dies erweckte bei mir einiges an Neugier, und ich war gespannt herauszufinden, was es damit auf sich hatte.

Schon einmal einen ISO 12/12°-Film belichtet?  Die Empfindlichkeit des Rollei Ortho 25 in ACUROL-N beläuft sich auf nur sage und schreibe ISO 12/12°-16/13°, und daher hat es Monate gedauert, bis ich alle 12 Negative auf dem Film belichtet hatte! Unter anderem lag das auch daran, dass ich sehr bedachtsam ausgelöst habe, denn ich hatte nur zwei Rollen von dem Film und wollte das Beste aus ihm herausholen (weder Rollei-Film noch die Produkte von SPUR sind hier in der Türkei im regulären Handel erhältlich).

Als ich die erste Rolle Ortho 25 endlich entwickelt hatte, war ich dennoch leicht bestürzt. Beim Untersuchen der Negative mit einem Vergrößerungsglas schien es mir, als ob entweder die Emulsion einen Fehler hätte, oder als ob in meinem Badezimmer gerade sehr viel Staub herumwirbeln würde. All die hunderte von Filmen mit perfekten Negativen, die ich bis Dato entwickelt hatte, sprachen allerdings gegen die letztere Möglichkeit. Jedenfalls habe ich SPUR den Fall geschildert, und das stellte sich als sehr hilfreich heraus (Dankeschön, Anita Schain).

Ich benutze für die Filmentwicklung normalerweise stilles Mineralwasser aus der Flasche. So  hatte ich es auch mit dem Ortho 25 Rollfilm gehalten. SPUR empfiehlt hier allerdings die Benutzung von destilliertem Wasser. Das habe ich mir hinter die Ohren geschrieben, habe die Rolleiflex mit der zweiten Rolle Ortho 25 geladen, und über die folgenden Wochen habe ich wieder ausschließlich abgedrückt, wenn ein lohnendes Motiv meinen Weg kreuzte.

© 2013 Omar Özenir. All rights reserved.

© 2013 Omar Özenir. All rights reserved. Neue Moschee, Istanbul 2013. Kodak Tmax 100 in SPUR ACUROL-N. zum Vergrößern klicken

Eines Tages kam ich in Eminonu (an der Spitze des Goldenen Horns) aus einem Tunnel heraus, und die panoramische Ansicht der 350 Jahre alten Moschee breitete sich vor meinen Augen aus. Auf meiner zweiten Rolle Ortho 25 hatte ich noch zwei nicht belichtete Negative. Das Motiv sah vielversprechend aus. Die Treppenstufen und der Fluss der sich darauf bewegenden Menschen schienen den Blick förmlich in das Bild hinein zu saugen. Auf dem fertigen Bild würden die Menschengestalten zwar voraussichtlich verschwimmen, aber einige von ihnen, die zum Zeitpunkt des Auslösens innehielten, würden hoffentlich dem Auge als Bezugspunkt dienen können.

Die Bewegung im Vordergrund würde einen hübschen Gegensatz zur Architektur im Hintergrund bilden: der Fluss des Lebens und die Schnelllebigkeit der Zeit gegen 350 Jahre Beständigkeit und Überlieferung. Die Minarette würde ich abschneiden müssen, aber das erschien mir nicht als Hindernis; ganz im Gegenteil: mir gefiel die Idee, mich gegen die Konventionen zu richten. Die Minarette in ihrer gesamten Höhe abzufotografieren, bringt außerdem möglicherweise zu viel Himmelfläche in das Motiv ein, wodurch das Bild beeinträchtigt werden kann… damit habe ich bereits Erfahrungen gesammelt.

Also quetschte ich mich irgendwo in eine Ecke, baute mein Stativ auf und belichtete die beiden mir noch verbliebenen Negative auf dem Ortho 25. Ich habe dann umgehend mit Tmax 100 nachgeladen und gleich noch einige Negative belichtet, weil ich einen direkten Vergleich zwischen Ortho 25 und Tmax 100 in ACUROL-N im Sinn hatte.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf den Tmax 100 eingehen, um später wieder auf den Ortho 25 zurückzukommen. Die Meinungen über den Tmax 100 sind gespalten. Dem Internet glaube ich entnehmen zu können, dass der Tmax 100 zwar einige treue Anhänger hat; andererseits mögen viele den Film nicht. Ich selbst kann mich da anschließen: seit Jahren hadere ich mit dem Tmax 100 (Tmax 400 ist dagegen eine ganz andere Geschichte), weil die Tonwerte in meinen Augen in Feinkornentwicklern wie D-76 oder XTOL einfach zu matschig daherkommen.

Auf der anderen Seite habe ich aufgrund seines beeindruckenden Auflösungsvermögens immer nach Anwendungsmöglichkeiten für diesen Film gesucht. Die Kombination mit einem Feinkornentwickler finde ich hier allerdings wie gesagt wenig zielführend, da der Film an sich bereits extrem feinkörnig ist. Meiner Meinung nach passt zum Tmax 100 ein Akutanzentwickler wie Rodinal, um die Konturenschärfe zu erhöhen.

ACUROL-N gehört ebenfalls zur Familie der Akutanzentwickler. So lautet jedenfalls meine eigene Schlussfolgerung aus den hohen Verdünnungsmöglichkeiten, die bei den meisten Filmen für normalen Kontrast zwischen 1+50 bis 1+100 liegen. Vom Hersteller hingegen wird ACUROL-N nicht eindeutig als Akutanzentwickler klassifiziert; es werden lediglich die „Feinkörnigkeit, hohe Auflösung und außergewöhnliche Plastizität“ des Entwicklers hervorgehoben.

Ich habe vier Rollen Tmax 100 in ACUROL-N entwickelt, und obwohl man bei der Bewertung des Ergebnisses einräumen könnte, dass ich diese Kombination nicht vollumfänglich getestet habe, muss ich sagen, dass die Ergebnisse wirklich überragend sind: unglaubliche Schärfe, wunderschöne Tonwerte und differenzierte Lichter, von denen sich spielend leicht Abzüge machen lassen.

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© 2013 Omar Özenir. All rights reserved. Kodak Tmax 100 Negativ, entwickelt in SPUR ACUROL-N. Zum Vergrößern klicken

Das erste Foto in diesem Beitrag ist ein Abzug von einem Tmax 100. Um untersuchen zu können, wie sich dieses Negativ mit Hinblick Körnigkeit und Auflösung machte, habe ich den größtmöglichen Vergrößerungsmaßstab gewählt – was zu einer Printgröße von etwa 17×17 inch (ca. 43×43 cm) führt, und habe eine Ausschnittsvergrößerung des etwas mürrisch wirkenden Typen in der Bildmitte auf einem Papier passender Größe angefertigt. Untenstehend zeige ich den vollständigen 300 dpi-Scan. Beachtenswert ist die hohe Auflösung der Fenstergitter im Hintergrund.

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© 2013 Omar Özenir. All rights reserved. Auschnittsvergrößerung aus Tmax 100 in ACUROL-N. Zum Vergrößern klicken

Die nun folgende Auschnittsvergrößerung stammt vom Ortho 25, für den ich diesmal destilliertes Wasser verwendet habe, sodass das Ergebnis mit meinem anfänglichen Schnitzer natürlich überhaupt nicht vergleichbar ist. Das Fenstergitter ist in diesem Bild noch etwas höher aufgelöst als beim Tmax 100. Was die Körnigkeit der beiden Filme angeht, ist in einem 17×17 inch (ca. 43×43 cm) großen Print vom Tmax 100 sehr wenig Korn zu entdecken, während ein Print der gleichen Größe vom Ortho 25 völlig kornlos erscheint!

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© 2013 Omar Özenir. All rights reserved. Auschnittsvergrößerung aus Ortho 25 in ACUROL-N. Zum Vergrößern klicken

Trotz der sehr beeindruckenden Ergebnisse kann ich nicht sagen, dass der Ortho 25 leicht zu verarbeiten gewesen wäre. Erstens liegt er nicht flach auf und rollt sich immer wieder zusammen, obwohl ich ihn tagelang mit Gewichten beschwert hatte, um ihn zu glätten. Also das ist wirklich der störrischste Film überhaupt! Komischerweise kann man im offiziellen [nur im englischsprachigen] Datenblatt nachlesen, der Film verfüge über eine „rückwärtige Anti-Kräusel-Beschichtung, um das flache Aufliegen des Films zu verbessern“.

Abgesehen von diesem Kräusel-Effekt vermute ich, dass die Emulsion im nassen Zustand ziemlich empfindlich ist, jedenfalls im Vergleich zu anderen Filmen. Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, aber auf meiner Emulsion sind deutlich sichtbare Kratzer zu finden, siehe die rechte obere Ecke des untenstehenden Negativs. Ich habe mir vor einiger Zeit häßlicherweise angewöhnt, nasse Rollfilme zwischen meinen – natürlich angefeuchteten –  Fingern abzustreifen, um eine gleichmäßige und schnelle Trocknung zu begünstigen, und habe mit dieser Methode bei anderen Filmen noch nie Probleme gehabt.

Die Kratzer sind entweder das Resultat meiner Methode, oder die scharfen Kanten des Trägers haben den Film beschädigt, als er sich aufgerollt hat. Über diesen Film habe ich mir jedenfalls nach nur zwei Entwicklungen noch keine endgültige Meinung bilden können. Vielleicht lässt sich der Ortho 25 ja doch noch zähmen?

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© 2013 Omar Özenir. All rights reserved. Rollei Ortho 25 Negativ, entwickelt in SPUR ACUROL-N. Zum Vergrößern klicken

Für diejenigen Fotografen, die vor allem höchste Feinkörnigkeit und Auflösung wünschen und gern mit Stativ arbeiten, könnte es sich durchaus lohnen, sich tiefschürfend mit dem Rollei Ortho 25 auseinanderzusetzen. Ich persönlich bevorzuge den Tmax 100 in ACUROL-N wegen der höheren Empfindlichkeit (ISO 50/18°) und der erstklassigen Tonwerte.

Zum Schluss möchte ich noch ein Bild des obenstehenden Prints zeigen. Es handelt sich hierbei um einen Abzug von einem Tmax 100-Negativ auf 12×16 inch (ca. 30×40 cm) Forte Fortezo-Papier.

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© 2013 Omar Özenir. All rights reserved. Zum Vergrößern klicken

Omar Özenir

Deutsche Übersetzung des englischen Originaltexts: Anita Schain

Lesen Sie diesen Artikel von Omar Özenir auf seinem Blog Gel-Dur-Kal auch in türkischer Sprache.

Veröffentlicht in Artikel, Rollei Ortho 25 Rollfilm/ Planfilm in SPUR ACUROL-N, Schärfe-Sensation, SPUR ACUROL-N, SPUR Photo

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