Erfahrungsbericht SPUR ACUROL-N

Da die Hauptbestandteile einer klassischen Negativentwickler-Rezeptur allgemein bekannt sind, ist die Herstellung eines Negativentwicklers im Prinzip kinderleicht. Wenn man die proportionalen Anteile der chemischen Bestandteile verändert, ändern sich auch Charakter und Verhalten des Entwicklers. Mit etwas Arbeitsaufwand und Umsicht kann im Grunde genommen jeder selbst sich seine eigene Arbeitslösung herstellen, und bekanntermaßen gibt es für solche Aktivitäten eine Marktnische: die notwendigen Grundsubstanzen sind in mehreren Läden erhältlich.

Diese klassischen Entwickler, wie z. B. Agfa RODINAL (jetzt: ADOX ADONAL) oder KODAK D-76 sind seit fast einem Jahrhundert oder sogar länger auf dem Markt und werden immer noch gerne verwendet.

Für die traditionsbewußte Dunkelkammer sind diese Entwickler weiterhin empfehlenswert und bringen hervorragende Ergebnisse. Die Konkurrenz durch hochwertige Tintenstrahldrucker ist allerdings nicht zu unterschätzen, und tatsächlich konvergiert die Qualität beim Tintenstrahlfeindruck mit der von Silberhalogenidpapieren. Auf dem Gebiet der großen Prints (über DIN A2 oder DIN A3) haben die Digitaldrucker ganz klar die Nase vorn. Solche großformatigen Prints kann man in der heimischen Dunkelkammer kaum noch anfertigen. Und ganz ehrlich: sogar bei einem astreinen 35 mm Negativ vermindert sich durch eine zehn- bis zwölffache Vergrößerung die Bildqualität aufgrund von Grobkörnigkeit und Lichtstreuung in der Schicht. Die Herstellung eines scharfen, großflächigen Prints mit guten Tonwerten ist nicht länger ausreichend, um das Beste aus der Positiventwicklung mit Silberhalogenidpapieren herauszuholen.

In der Vergangenheit benutzte man üblicherweise eine Auswahl an Filmen mit einer passenden Palette von Entwicklern, die – richtig aufeinander abgestimmt – zu den jeweils erwünschten Ergebnissen führten. Dieser Ansatz war flexibel, verlangte aber einen erfahrenen Fotografen und generierte einen hohen Verbrauch, da die Konstanz und somit die Brauchbarkeit der Lösung stetig abnahm und damit begrenzt war.

Eine Firma, die sich darauf spezialisiert hat, die bislang bekannten Grenzen fotochemischer Prozesse  durch neue Rezepturen zu erweitern, ist SPUR Schain + Partner. Hierbei ist es Heribert Schain gelungen, hochauflösende Mikrofilme für die bildmäßige Fotografie zu erschließen. Die Kombination SPUR Orthopan UR and Nanospeed UR ist für mich erste Wahl, wenn es um maximale Auflösung geht. Im Moment erreiche ich 160 Linienpaare pro mm mit dem besten Leica-Objektiv, das für Leica-Sucherkameras der Baureihe M erhältlich ist.

Heribert Schain hat mit ACUROL ein innovatives Negativ- und Positiv- Entwicklersystem konzipiert, das sich nach Angaben des Herstellers durch einzigartige Ergebnisse auszeichnet. Der erste handfeste Vorteil des neuen, hochverdünnbaren ACUROL-N ist seine lange Haltbarkeit – ein Zugeständnis an die abnehmende Anzahl der Filme, die wir pro Monat entwickeln. Die Verdünnbarkeit ist sehr hoch – im Allgemeinen zwischen 1+50 und 1+100 [Heribert Schain: „Sogar 200 geht noch.“] – was eine extrem sparsame und flexible Handhabung erlaubt. In diesem Sinne hat der Entwickler eine wichtige Eigenschaft mit RODINAL gemeinsam: man kann die Verdünnung ändern, und man kann ihn für beinahe jede Emulsion benutzen.

Die Entwicklungszeiten reichen von 10 bis 30 Minuten, mit Ausnahmefällen an beiden Enden der Skala, wobei die längeren Entwicklungszeiten minimale Bewegung erfordern. Letzteres ist wichtig, weil diese Methode die Kantenschärfe verbessert (Eberhard-Effekt), die visuelle Plastizität steigert, und auch der Eindruck von Körnigkeit sich leicht variieren läßt. Das Schöne daran ist natürlich, daß man die Parameter innerhalb vernünftiger Grenzen beim ausschließlichen Gebrauch eines einzigen Entwicklers einer Bandbreite von Emulsionen und Motivkontrastsituationen anpassen kann. Gute Neuigkeiten also für diejenigen, die nach dem Zonensystem arbeiten…

Ich habe den Filmklassiker ILFORD Delta 100 – immer noch einer der besten „Allzweckfilme“ für mittlere Empfindlichkeit – auf Empfindlichkeitsindex 80 belichtet und mit ACUROL-N 30 Minuten lang entwickelt. Dabei habe ich das Heiland TAS Entwickungsgerät benutzt – hervorragend geeignet für lange Entwicklung und minimale Bewegung. Parallel zum ILFORD Delta 100 habe ich den neuen ADOX SILVERMAX Film* mit ACUROL getestet. Meine Kamera ist die Leica MP-3, die Graukarte kommt von FOTOWAND (liefert Referenzkarten überragender Qualität), und mein Belichtungsmesser ist ein GOSSEN DIGISKY. Die Ergebnisse sind exzellent. Man findet nicht oft eine Dichte von Dmax = 0,06 in Zone I bei Nennempflindlichkeit und N-Entwicklung. Der untenstehende Graph illustriert das Potential der Film/ Entwickler-Kombination. Die fast identischen Kurvenverläufe beider Filme demonstrieren die ausgleichenden Qualitäten des Entwicklers:

grafiek-acurol
© 2013 Erwin Puts. All rights reserved.Lupe

Während die hohen Dichten in Zone VIII und IX in der Praxis keine Rolle spielen, veranschaulichen sie die Möglichkeit von N+ und N- nach dem Zonensystem durch Abänderung der Entwicklungszeiten. Lange Entwicklungszeiten bringen zwar Korn, aber eine zehnfache Vergrößerung ist immer noch eine angenehme Überraschung: siehe das untenstehende Bild (Ausschnitt aus einem Vollnegativ):

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© 2013 Erwin Puts. All rights reserved.Lupe

Beachtenswert ist die hohe Konturenschärfe in der nächsten Aufnahme (Ausschnitt aus einem Vollnegativ). Die Kanten sind super sauber und weisen nicht die vom Digitalbild bekannte Verwaschung mit Farbsaum auf:

fotospinneweb-selection© 2013 Erwin Puts. All rights reserved.Lupe

Die erreichbare Auflösung – ermittelt mit Testdiagramm unter dem Mikroskop – befindet sich zwischen 60 LP/mm und 80 LP/mm (beim Delta 100). Der Vergleich mit der Leica M9 und der Leica M Monochrom bietet sich an.

ACUROL-N stellt eine großartige Verbesserung für die Arbeitsabläufe in der Dunkelkammer dar und sollte für jeden erste Wahl sein, der ausschließlich oder auch unter anderem mit Silberhalogenid arbeitet, da man sich die Arbeitsschritte aussuchen kann, die am ehesten zu den gewünschten Ergebnissen führen. Das Datenblatt beinhaltet alle Informationen zur Feinabstimmung der Parameter fürs Zonensystem.

Erwin Puts

Deutsche Übersetzung: Anita Schain. Lesen Sie auch das (im Inhalt reduzierte)  englischsprachige Original des Artikels von Erwin Puts auf seinem Blog „The Tao of Leica„.


* [Der neue ADOX SILVERMAX Entwickler wird ebenfalls im Hause SPUR nach einer Original-Rezeptur von Heribert Schain hergestellt.]

2 Kommentare zu “Erfahrungsbericht SPUR ACUROL-N
  1. luxikon sagt:

    Hallo,

    ich habe eine Verständnisfrage.
    Es gilt die Faustregel, wenn man bei KB Film 1x pro min kippen soll, dann bei Rollfilm 2x.
    Soll das heißen alle 30 sec oder jede volle min 2x hintereinander?

    Grüße
    Klaus Schreiber

  2. SPUR sagt:

    Hallo Herr Schreiber,

    würde bedeuten, jede volle Minute 2x. Bei der hohen Verdünnung der AL bedeutet ein größerer Entwicklungsweg infolge des größeren Formates bei der Bewegung (Kippen), dass die Kapazität des Entwicklers schneller abnimmt. Um dies zu verhindern, wird die Bewegung intensiviert, ohne aber den grundsätzlichen Kipprhythmus zu ändern.

    Mit freundlichen Grüßen
    Heribert Schain

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