Filmempfindlichkeit – Mythos und Wirklichkeit

Gibt es ISO 12800/42°?

Die Praxis beim Einsatz hoher und höchster Filmempfindlichkeiten

Immer wieder hört man von Anwendern, dass mit bestimmten Filmen und Entwicklern unwahrscheinlich hohe Filmempfindlichkeiten erreichbar sein sollen. Ein Beispiel hierfür sind Aussagen im Internetportal „Digitaltruth“, wonach mit hochempfindlichen Filmen und bestimmten Entwicklern eine Filmempfindlichkeit von ISO 6400/39° erreichbar sein soll. Neuerdings behauptet sogar ein Anbieter, dass mit seinen Entwicklern bei einem 400-ASA-Film eine Filmempfindlichkeit von ISO 12800/42° erreicht worden wäre, und hat dies mit veröffentlichten Beispielbildern zu „belegen“ versucht.

Im Unterschied zu diesen völlig überzogenen Aussagen geben wir bei unserem neuen Entwickler SPUR Ultraspeed Vario als höchste Filmempfindlichkeit ISO 1600/33° an und sind dabei aufgrund durchgeführter Messungen gleichzeitig davon überzeugt, dass dies, zumindest beim Pushen von 400-ASA-Filmen, die höchste bislang erreichbare Filmempfindlichkeit darstellt. Der Ilford Delta 3200 ist von uns noch nicht erschöpfend getestet worden, und den bislang empfindlichsten Film, den Kodak Tmax P 3200, gibt es nicht mehr. Da wir aber noch einige Filme Tmax P 3200 im Kühlschrank haben, werden wir auch die maximal erreichbare Empfindlichkeit für diesen Film noch testen.

Um unsere Kunden sachlich zu informieren, haben wir uns entschlossen, anhand einiger Beispielbilder darzulegen, wie es zu solch falschen Einschätzungen hinsichtlich der maximal erreichbaren Filmempfindlichkeit kommt. Alle 5 Beispielbilder wurden auf ein- und demselben Film (Kodak Tri-X 400, KB) belichtet. Entwickelt wurde der Film mit SPUR Ultraspeed Vario (Entwicklungsparameter: Verdünnung 1 + 9, 22° C, Erstentwicklungszeit 5 Minuten, Zweitentwicklungszeit 19 Minuten). Dies sind die Parameter, wie sie auch im SPUR-Datenblatt für das Erreichen von ISO 1600/33° für diesen Film angegeben sind.

Zwei Bilder wurden bei normalem Tageslicht aufgenommen, die drei anderen bei später Dämmerung (fast schon Nacht).

Bei der Motivwahl wurde bewußt kein „schönes“ Bild, sondern eine ganz normale Straße gewählt, dies deshalb, weil dieses Motiv den gesamten Negativumfang von tiefen Schatten bis hin zu hohen Lichtern zeigt. Außerdem kann anhand der Straßenlaternen gezeigt werden, welche Bilder tagsüber und welche bei tiefer Dämmerung aufgenommen wurden. Die Aufnahmen wurden aus der Hand geschossen, also ohne Verwendung eines Stativs.

Naturgemäß ist bei den Dämmerungsaufnahmen der Vordergrund unscharf, da hier mit Blende 1,2 gearbeitet wurde. Die Tageslichtaufnahmen wurden wegen der hohen verwendeten Filmempfindlichkeit mit Hilfe eines Graufilters aufgenommen. Bei allen Bildern handelt es sich um absolute Rohscans, es wurden nicht einmal Helligkeit und Kontrast korrigiert!


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Die Tageslichtaufnahmen weisen als korrekte Filmempfindlichkeit ISO 1600/33° aus (Bild 1). Die Aufnahmen, die mit ISO 12800/42° gemacht wurden (Bild 2), sind völlig unterbelichtet!

Die Aufnahmen bei tiefer Dämmerung hingegen weisen als korrekte „Arbeitsempfindlichkeit“ für eine stimmungsvolle Dämmerungsaufnahme ISO 12800/42° aus (Bild 4). Die Aufnahme mit ISO 1600/33° (Bild 3) ist völlig überbelichtet und als Dämmerungsaufnahme nicht zu erkennen, die Aufnahme mit ISO 6400/39° (Bild 5) ist zwar als Dämmerungsaufnahme noch zu erkennen, weist aber wegen des zu hellen Himmels nicht die charakteristische Dämmerungsstimmung auf.

Da alle Aufnahmen auf einen Film belichtet wurden und dieser Film natürlich auch einheitlich entwickelt wurde, kann die scheinbar völlig unterschiedliche Filmempfindlichkeit für Tageslichtaufnahmen und Aufnahmen in der Dämmerung nicht an der Entwicklung, sondern nur an der Belichtungsmessung und den charakteristischen Eigenschaften des jeweiligen Motivs liegen.

Die Erklärung ist eigentlich sehr simpel: Bei den Tageslichtaufnahmen wurde die Belichtungsmessung korrekt auf mittleres Grau von 18 % Reflexionsvermögen (im Zonensystem Zone V) vorgenommen, worauf jeder Belichtungsmesser kalibriert ist. Dass bei einem Push auf ISO 1600/33° Zone I quasi entfällt und Zone II nur schwach abgebildet wird, ist normal. Dennoch kann man hier eine Filmempfindlichkeit von ISO 1600/33° zugrunde legen.

Bei den Nachtaufnahmen hingegen wurde auf die Schatten gemessen, wie dies beim Einsatz einer Belichtungsautomatik bei solchen Motiven fast zwangsläufig geschieht. Im vorliegenden Beispiel wurde auf Zone III gemessen. Der Belichtungsmesser hat die Differenz bis zur Zone V, auf die er kalibriert ist, ausgeglichen und zeigt daher einen Wert an, der zu einer Überbelichtung von 2 Blendenstufen führt. Diese Überbelichtung kann kompensiert werden, indem eine um 2 Blenden höhere Filmempfindlichkeit eingestellt wird, also in vorliegendem Fall unserer Dämmerungsaufnahmen eine Empfindlichkeit von ISO 6400/39°. An unseren Beispielfotos sehen wir, dass noch um eine weitere Blendenstufe abgeblendet werden mußte, damit eine stimmungsvolle Dämmerungsaufnahme erzielt wird. Dies liegt an den speziellen Eigenheiten des Motivs und an dem, was wir visuell als „Stimmung“ wahrnehmen.

Daher liefert die Einstellung auf ISO 12800/42° in diesem Fall die für dieses Motiv richtige Einstellung. Es handelt sich bei diesem Wert jedoch nicht um die tatsächliche Filmempfindlichkeit, sondern um eine notwendige Belichtungskorrektur, die der Meßmethode und den Motivbesonderheiten geschuldet ist. Die tatsächliche Filmempfindlichkeit liegt nach wie vor bei ISO 1600/33°. Von diesem Wert muß daher ausgegangen werden, wenn abhängig von Meßmethode und Motivbesonderheit die richtige Belichtung gefunden werden soll.

Wenn neuerdings ein Anbieter anhand von mit ISO 12800/42° aufgenommenen Beispielfotos behauptet, er hätte eine tatsächliche Filmempfindlichkeit von ISO 12800/42° erreicht, so wissen Sie jetzt, was von solchen Behauptungen zu halten ist! Solche Aussagen zeichnen sich in unseren Augen durch Inkompetenz aus und sind nach unserer Meinung auch fachlich unseriös.

Die Probe aufs Exempel ist in solchen Fällen relativ einfach: Fotografieren Sie bei normalem Tageslicht (am besten bei bedecktem Himmel) unter Verwendung eines 400-ASA-Films Motive mit einem hohen Negativumfang mit der Empfindlichkeit von ISO 12800/42°. Sie benötigen hierfür eine Optik, die sich relativ weit abblenden läßt und ein Graufilter. Achten Sie darauf, dass Sie die Belichtungsmessung auf Zone V vornehmen. Wenn keine Graukarte zur Hand ist, kann man als Ersatz entweder ein graues Straßenpflaster oder die eigene Handfläche verwenden. Bei hellhäutigen Mitteleuropäern entspricht die Haut der Zone VI im Zonensystem. Sie müssen daher bei dieser Methode den gemessenen Wert durch Aufblenden um eine Blendenstufe korrigieren.

Nach der Entwicklung, egal mit welchem Entwickler, werden Sie eine horrende Unterbelichtung von mindestens 3 Blendenstufen feststellen!

Mit unserem neuen Entwickler SPUR Ultraspeed Vario läßt sich der hier für die Beispielfotos verwendete Kodak Tri X 400 auf ISO 1600/33° pushen. Diese Film/Entwicklerkombination eröffnet aufgrund dieser realen hohen Filmempfindlichkeit hervorragende Möglichkeiten für Aufnahmen im Dämmerlicht oder bei schwachen Lichtverhältnissen, z. B. im Theater.

Diese tatsächlich erreichte Empfindlichkeit ist im Schattenbereich der charakteristischen Kurve gemessen worden. Zone I läßt sich bei einem Push um 2 Blendenstufen bei dieser Empfindlichkeit natürlich nicht mehr finden. Immerhin wird Zone II, also der Schattenbereich mit geringer Durchzeichnung, noch schwach abgebildet.

Daher ist die von uns gemessene Filmempfindlichkeit auch mit diversen Angaben z.B. im Internetportal „Digitaltruth“ nicht vergleichbar. So repräsentiert beispielsweise die angebliche Empfindlichkeit von ISO 6400/39°, die laut Digitaltruth beim Kodak Tri-X 400 mit Ilford Ilfotec DD-X bei Verdünnung 1 + 4 und 25 Minuten Entwicklungszeit sowie mit Kodak HC 110, Verdünnung B, 26 Minuten Entwicklungszeit erreichbar sein soll, nach unseren Kriterien in Wirklichkeit eine reale Empfindlichkeit von lediglich ISO 800/30°. Wir haben diese Entwickler mit den dort angegebenen Entwicklungsparametern selbst mit dem Kodak Tri-X 400 getestet und die Empfindlichkeit ausgemessen.

Von der Qualität unseres neuen Entwicklers SPUR Ultraspeed Vario können Sie sich anhand der veröffentlichten Fotos einiger Anwender überzeugen, die Sie hier auf unserer Webseite finden, so z. B. die Fotos von Tim Moog und Lars-Göran Hedström.

Wir wünschen allen unseren Kunden viel Spaß beim Entwickeln mit SPUR Ultraspeed Vario und würden uns freuen, wenn auch Sie uns besonders gut gelungene Beispielfotos zur Veröffentlichung zusenden würden.

Heribert Schain

2 Kommentare zu “Filmempfindlichkeit – Mythos und Wirklichkeit
  1. Sehr geehrter Herr Schain,

    auch ich halte manche Angaben bezüglich der erreichten Empfindlichkeiten für überzogen. Allerdings habe ich 1976 mit einem Kodak Recording 2475 und Entwicklung 6+6 min bei 31 Grad in Emofin mit 6400 ISO (damals noch ASA) vergrößerungsfähige, wenn auch sehr körnige Negative erhalten. Diese liegen auch als digitale Dateien vor, können hier allerdings nicht angehängt werden. Auf den SPUR Entwickler, den ich noch nicht angewendet habe, bin ich jedenfalls neugierig. Mit einem Tri-X, da stimme ich völlig mit Ihnen überein, sind diese Empfindlichkeiten jedenfalls nicht erreichbar.

    Mit freundlichen Grüßen

    Reinhard Weber

    • Heribert Schain sagt:

      Hallo Herr Weber,

      Ja, Sie haben recht, der von Ihnen benannte Kodak Recording war der empfindlichste und vor allem der grobkörnigste SW-Film, der je auf dem Markt war. Die Diskussion darüber, ob die erreichbare Empfindlichkeit bei diesem Film nun ISO 3200/36° betragen hat (was ich persönlich annehme) oder gar ISO 6400/39°, ist rein akademisch und hängt auch davon ab, wie man Empfindlichkeit bzw. Pushempfindlichkeit definiert.

      Bei strenger Betrachtung waren wohl auch bei diesem Film allerhöchstens ISO 3200/36° erreichbar.

      Freundliche Grüße
      Heribert Schain

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